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2.0 Die Gesellschaft im Wandel

2.1 Die Bevölkerungsbewegung

2.1.1 Die Entwicklung der Bevölkerungszahlen

Die Bevölkerungszahl blieb dann ca. bis 1900 einigermassen konstant. Danach nahm sie nur leicht zu. Die erste bekannte statistische Zahl stammt aus dem Jahre 1939: Damals wurden 1377 Personen registriert.

Erst nach 1940 steigt die Kurve wesentlich stärker an (1947: 1850 Personen), anfangs bedingt durch die 350 Flüchtlinge, später durch das Ansteigen der Geburtenüberschussziffer (siehe 2.1.2). Die Vertriebenen, die nach dem Krieg in Sailauf angesiedelt wurden, stammen aus Ungarn, Schlesien und Sudetendeutschland, brachten jedoch keine eigene Industrie mit und sind so für die Wirtschaft ziemlich unbedeutend geblieben.

Heute (1969) wohnen ca. 2400 Menschen in Sailauf. Das Dorf fällt damit in die Kategorie der Gemeinden zwischen 2.000 und 10.000 Einwohnern, in denen 45 % der Deutschen leben ! Man rechnet in Sailauf mit 3500 Einwohnern im Jahre 1990. Für dieses Datum nahm man übrigens vor 15 Jahren noch einen Stand von nur 2500 Personen an. Der Bevölkerungszuwachs liegt also weit über dem erwarteten Wert.

Tab.2: Das Ansteigen der Bevölkerung in Sailauf

1855

1939

1947

1950

1955

1961

1965

1969

1975

1990

1000

1377

1850

1874

1992

2159

2310

2400

(2800)

(3500)

Chart: Sailauf EInwohner

Folgende Tabelle soll noch einmal kurz das Ansteigen des Zunahmequotienten verdeutlichen:

Tab.3: Das Ansteigen der Bevölkerungszunahme in Sailauf

Zeitraum:

1939-47

1947-55

1955-63

1963-(71)

(1970-78)

Zunahme
(während 8 Jahre)

480
(350+130)

140

280

280

350

Aus dem vorliegenden Material lässt sich der gleiche Bevölkerungszuwachs (=80%) für die Zeitspanne 1950-58 und 1961-65 ablesen ! Die Bevölkerungsentwicklung Sailaufs läuft mit derjenigen des Landkreises ungefähr parallel.

2.1.2 Die Geburtenüberschussziffern

Bei einem Vergleich mit den Zuwachszahlen des gesamten Bundesgebietes jedoch zeigt sich der extreme Anstieg der Bevölkerung in der Gemeinde Sailauf:

Wachstum 1939-61 in Sailauf: 57 % / in der BRD: 34 % !

Dies ist nur zu einem geringen Teil der Zuwanderung zuzuschreiben, zum weitaus grösseren Teil jedoch der - für die deutschen Verhältnisse sehr hohen - Geburtenüberschussziffer von 16 ‰ (BRD: ca. 7 ‰; 1965).

Nun besteht aber zwischen der Geburtenüberschussziffer und der Industrialisierung ein interessanter Zusammenhang: Solch hohe Werte sind nur in den Ländern anzutreffen, die sich mitten in der Phase der Industrialisierung befinden. Länder, die vor oder nach (BRD) der industriellen Entwicklung stehen, haben einen geringen Überschusswert. Denn der Verlauf einer solchen 'Bevölkerungsentwicklung' ist gekennzeichnet (2) durch:

  • ein Ansteigen der Lebenserwartung und
  • ein späteres Absinken der Geburtenwerte. Dadurch entsteht
  • in der Mitte des Entwicklungsverlaufes ein hoher Wert der Geburtenüberschusswerte. Dies trifft gegenwärtig zweifellos für Sailauf zu.
Abgesehen von dem hohen Wert der Geburtenüberschussziffern, fällt ihr starkes Ansteigen auf:

Tab.4: Das Ansteigen der Geburtenüberschusswerte

 

1950

1965

Anstieg/Abnahme
(in %):

in Sailauf

10,5 ‰

16 ‰

+ 52 %

in Deutschland

7,9 ‰

7,2 ‰

- 9 %

in Aschaffenburg

   

- 1 %

Diese Zahlen lassen die schnellste Phase der Entwicklung, die sich mit dem höchsten Punkt der Geburtenüberschusskurve deckt, auf ca. 1990 voraussagen, den Beginn der Industrialisierung auf ca. 1920 zurückdefinieren (Fucks).

2.1.3 Weitere Zahlen zur Bevölkerungsbewegung

Im üblichen Rahmen (3) halten sich die Zahlen der Eheschliessungen (1950-65: Abnahme um 14 % der Bevölkerung), des Frauenüberschusses (1950-65: Abnahme um 3 % der Bevölkerung) und der Beständigkeit in der Konfession (1950-65: Abnahme der Katholiken bzw. Protestanten um 0 %).

Auch die Altersstufen lassen in Sailauf keinen besonderen Trend feststellen. Lediglich der Anteil der über 65-jährigen ist seit 1955 von 7 auf 11 % angestiegen, was sich auch durch die erste Phase der 'Bevölkerungsentwicklung' erklären lässt (siehe 2.1.2).

Tab.5: Der altersmässige Bevölkerungsaufbau:

 

1955

1965

unter 21 Jahre alt

39 %

37 %

21 - 65 Jahre alt

53 %

52 %

über 65 Jahre alt

7 %

11 %

2.2 Das Schulwesen

2.2.1 Die Volksschule in Sailauf

Der Bevölkerungszunahme von 65 % der letzten 30 Jahre steht eine Verdoppelung der Schülerzahl auf heute 320 gegenüber. Diese nur langsam wachsende Zahl ist ein charakteristischer Kennzeichen stadtferner Gemeinden. In Stadtnähe ist der Schülerzuwachs grösser. Bisher gab es in Sailauf keine Schulraumnot. Etwa 1960 baute man den alten Schultrakt aus, so dass der Unterricht nun - statt wie bisher in drei - in sieben Klassen stattfinden kann.

Sowohl die dem einzelnen Schüler zugestandene Fläche von 25 m2 als auch die Möglichkeit einer Erweiterung auf neun Klassen entspricht der Norm, nicht jedoch die hohe Schülerzahl pro Klasse: Sie betrug früher ca. 50, heute (1969) immerhin noch ca. 45 und liegt damit weit über dem Durchschnitt des Landkreises und des Landes (37 bzw. 36). Zu erwähnen wäre ferner noch eine neu eingerichtete Volksbücherei.

2.2.2 Die Fahrschüler

Während die Schülerzahl an der heimischen Schule etwa auf das Doppelte geklettert ist, ist die der Schüler an ortsfremden Schulen, d.h. die Fahrschülerzahl, etwa auf das Dreifache angestiegen, heute (1996) ca. 60. Zu diesem Anstieg mag vor allem die 1965 eröffnete Staatliche Realschule in in Aschaffenburg beigetragen haben. Sie wird von mehr als einem Viertel der Sailaufer Fahrschüler besucht. Es folgen das Dessauer-Gymnasium mit 21 % und das Kronberg-Gymnasium mit 13 % Anteil. Die für das Humanistische Gymnasium geltenden 13 % ergaben Anteile von 10 % für die Oberstufe und nur 3 % für die Mittel- und Unterstufe. Ob diese Zahl dem Zufall zuzuschreiben ist oder nicht, mag dahingestellt sein. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass trotz des Aufrufes von 1965 an die Bildungsreserve der Anteil der Gymnasiasten unter den Sailaufern nur wenig zugenommen hat: 1939: 15 ‰ - 1967: 19 ‰.

Als weitere Bildungsstätten des Landkreises, die auch von Sailaufern besucht werden, sind zu nennen: Die Sonderschule in Hösbach, zu der täglich ein Bus fährt, die Landwirtschaftsschule Aschaffenburgt mit insgesamt 43 Schülern und die landwirtschaftliche Kreisberufsschule in Aschaffenburg mit insgesamt 391 Schülern. Zudem steht den Bewohnern Sailaufs die Aschaffenburger Volkshochschule offen.

Der Typ einer Winterlandwirtschaftsschule, wie er noch vor einiger Zeit in Aschaffenburg existierte, ist wegen zurückgehender Schülerzahl geschlossen werden.

2.3 Das Gesundheitswesen

In der medizinischen Betreuung und Pflege blieb Sailauf weitgehend von Aschaffenburg abhängig, weil Aschaffenburg Krankenhäuser, an denen der Landkreis als Träger der Gemeinden beteiligt ist, Fachärzte, Drogerien und Apotheken besitzt. Jedoch bedeutet die augenblickliche Anzahl von zwei praktischen Ärzten bereits eine Besserung gegenüber früher, da es bis vor kurzem noch keinen Arzt am Ort gab.

Der Kindergarten mit ca. 80 Plätzen ist ausreichend.

Den Alten steht die Möglichkeit frei, in das Kreisaltenheim nach Hobbach zu gehen. Davon wird aber kaum Gebrauch gemacht, da sie, wie von altersher, meist von Familienangehörigen gepflegt werden.

2.3.1 Die Wasserversorgung

Durch die ständige Bevölkerungszunahme, die wachsenden hygienischen Ansprüche der Bevölkerung (1939: 50 l - 1969: 180 l / Kopf) und die zunehmende Industrialisierung entstand ein stets steigender Wasserbedarf.

So reichte die 1928 gefasste erste Quelle bald nicht mehr aus. Zudem schwankte ihre Förderleistung sehr (2-5 l/sec) und war von der gefallenen Regenmenge abhängig. Daher bohrte man 1963 eine zweite Quelle. Beide liefern ein so gutes Wasser, dass sie ohne Entkeimungsanlagen genutzt werden können. Jedoch ist ihr Keimgehalt ziemlich schwankend (3-10 Keime). 1953/54 z.B. lag die Bakterienzahl relativ hoch, dennoch sind aus dieser Zeit keine besonderen Typhus- oder Paratyphuserkrankungen bekannt.

In Zukunft wird der Trend darauf hinauslaufen, dass, da der Wasserverbrauch weiter in die Höhe schnellen wird und dann nicht mehr von den hiesigen Quellen bewältigt werden kann, ein Fernwasserverband, der mit dem schon bestehenden Aschafftal-Abwasserverband zu vergleichen ist, geplant werden muss.

2.3.2 Die Wasserentsorgung

'Dieser steigende Wasserverbrauch hat automatisch eine Zunahme der Abwassermenge zur Folge. Wird diese, wie es bisher geschah, ungeklärt in die Vorfluter eingeleitet, so sind die reinigenden Kräfte der Natur überfordert und aus den reinen, sauerstoffgesättigten Bächen werden schmutzig-trübe Wasserläufe. Der Bau einer Kanalisationsanlage war deshalb bereits Ende der 50-er Jahre immer dringender geworden. In diesem Zusammenhang wurden nun die Überlegungen angestellt, ob Sailauf … eine eigene Kläranlage erhalten sollte, oder ob das Abwasser nicht besser einer gemeinsamen Kläranlage (der umliegenden Gemeinden) zugeführt werden könne' (Breitenbach).

Man entschied sich für eine mechanisch-biologische Verbandskläranlage im südlichen Teil der Gemarkung Sailauf. Dazu wurde eigens der Abwasserverband der Aschafftalgemeinden gegründet. Die mechanische Anlage ist für einen maximalen Zufluss von einer mit dem Regenwasser achtfach verdünnten Schmutzwassermenge ausgelegt. Dafür wurden in Sailauf 1,9 km Verbandssammler angelegt und auf eine Länge von 6,4 km das - im Mittelsailauf auf einige Hundert Meter schon bestehende - Kanalisations-Ortsnetz ausgebaut. Heute (1969) ist Sailauf mit ca. 80 % an die Entwässerung des Verbandes angeschlossen.

2.4 Soziologische Betrachtungen (4)

Das Kriterium des alten Dorfes war die Überschaubarkeit der Beziehungen. Der einzelne Mensch, die einzelne Familie war fest in diesem durch Sippen und Nachbarschaften untergliederten Lebenskreis eingebettet. Durch Wirtschaftsform, Flurzwang, gleichen Beruf, durch Gemeinsamkeit in Notzeiten ware eine Geschlossenheit des dörflichen Sozialbildes gegeben. Der Status des Einzelnen war in hohem Grade durch seine Geburt bestimmt. Die ständische Gliederung setzte sich im Dorf nach unten fort. Durch die oft kastenmässigen Differenzierungen, die durch ein ungeschriebenes Gesetz geregelt wuden und den gemeinschaftlichen Zügen gegenüberstanden, waren Rolle, Recht und Privilegien des dörflichen Menschen in hohem Masse von vornherein festgelegt: Dies kann als das Sozialbild Sailaufs vor dem Kriege bezeichnet werden.

Die moderne Entwicklung löste diese festgefügte Struktur äusserlich und innerlich auf. Vor allem die Beziehungen zur Stadt - das Übergreifen der Stadt auf das Hinterland, das Zurücktreten des ländlichen Bevölkerungsteiles, das Anwachsen der Pendelwanderer - änderte nicht nur den strukturellen Aufbau, sondern auch die Verhaltensweise der Bevölkerung. Andauernd wurden städtische Verhaltensweisen in die Gemeinde gebracht. In diesen Vorgängen ändert sich die gesamte ländliche Sozialschichtung. Mit der Emanzipierung der unterbäuerlichen Schichten, deren Angehörige zu gut bezahlten Industriearbeitern geworden sind, tritt auf dem Dorfe eine echte Revolution ein. Die kommunalpolitische Macht geht in vielen Fällen in die Hände der Arbeiter über. Man erwirbt seinen Status nicht mehr dadurch, dass man einer bestimmten dörflichen Schicht entstammt, sondern durch die Position, die man sich im Berufsleben schafft (Anklang zur Leistungsgesellschaft). Das Verlangen nach wirtschaftlichen Vorteilen überwiegt die sozialethischen Bindungen an eine Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit. Die früher so mächtige Kontrolle der dörflichen Gemeinschaft, die das Leben des Einzelnen regelte, ist stark gelockert.

Im Ganzen stellt sich also die Entwicklung der Landgemeinde als ein Prozess der Disoziierung, der Auflösung der Dorfgesamtheit in Teilgemeinschaften, dar, bedingt durch die stärkere Orientierung des Einzelnen auf die Stadt.

Auch Riehl's (5) 'Wandel im Wesensunterschied' lässt sich auf das Sailauf vor dem Kriege und das künftige Sailauf übertragen: Von einer 'Macht des sozialen Beharrens' geht die Bevölkerung über zu einer 'Macht der sozialen Bewegung'.

2.5 Das Wohnungswesen

Gleichzeitig damit 'verminderte sich die Funktion der modernen Familie' (Schelsky) : Ein Zusammengehörigkeitsgefühl im alten Sinn kann bei den Pendlerfamilien nicht mehr aufkommen. Das Familienleben besteht nur noch in einer 'drei Stunden andauernden Konsumgesellschaft' (Fuchs) , die dazu oft noch vom Fernseher bestimmt ist.

So erwirkte die hohe Pendlerzahl im Laufe der Zeit eine Wandlung des Dorfes zu einer Wohngemeinde.

2.5.1 Wohnungsnot

Vergleicht man die bebaute Fläche und die Summe der Häuser mit der Einwohnerzahl, kommt man zu den Feststellungen, dass:
  • die Zahl der Einwohner, die auf einer bestimmten Fläche leben, immer geringer wird, die Leute also weiträumiger leben,
  • die Häuserzahl pro Hektar längst nicht so stark abnimmt, wie bei obigem Ergebnis die Einwohner im Verhältnis zur Fläche abnehmen. Man kann sogar fast sagen, dass die Häuser heute (1969) mit den gleichen Abständen gebaut werden wie ehemals. Diese Resultate zusammen genommen, kommt man zu folgendem Schluss:
  • Die Häuser werden heute (1969) von weniger Personen bewohnt als früher.
Allerdings wurden in den Jahren 1946-50 diese absinkende Kurve unterbrochen und zu einem Höhepunkt von 7,2 geführt, bedingt durch den Flüchtlingsstrom und eine daraus entstandene Wohnungsnot. Erst in diesen Jahren konnte wieder ein ähnlich geringer Quotient wie vor dem Kriege verzeichnet werden.

Tab.6: Bebauungsgelände und Hausbestand in Sailauf

 

1939 (6):

1954:

1960:

1967:

Bebautes Gelände

(22)

26

35

43

Hausbestand

(270)

320

390

480

Quotient a: Einwohner / ha

(63)

74

60

53

Quotient b: Häuser / ha

(12)

12

11

11

Quotient c: Einwohner / Haus

(5,1)

6,2

5,4

4,9

Die Aufnahme der 350 Vertriebenen erschüttete 1948 das Wohnungswesen in Sailauf sehr und warf die Entwicklung um Jahrzehnte zurück. Vorerst mussten die Ankömmlinge in den bestehenden Häusern untergebracht werden. Dies führte zu den unbeständigen Kurven der obigen Ergebnisse und der nachfolgenden Tabelle:

Tab.7: Der Quotient 'Personen in einer Wohnung' im Vergleich:

 

1939:

1950:

1960:

1967:

in Sailauf

4,3

5,2

3,4

3,2

in Deutschland

3,8

5,0

3,4

3,0

Auch in dieser Beziehung wurde die Zuwanderung bereits wieder vor 1960 aufgefangen. Die Differenz zum Bundesgebiet ist dadurch erklärbar, dass in den unterentwickelteren Gebieten der Typ des 'Dreigenerationen-Haushaltes' weit öfters auftaucht als in den entwickelteren. Z.T. ist das Absinken diser Werte natürlich auf die geringere Kinderzahl zurückzuführen.

2.5.2 Wohnungsbau und -bestand

Eine Darstellung des Verhältnisses Wohnungen / Haus liefert folgende Tabelle, die im ungefähren schon aus Tabelle 6 und 7 abzuleiten ist:

Tab.8: Anzahl der 'Haushalte(Wohnungen) in einem Haus' in Sailauf:

 

1939:

1950:

1960:

1967:

Wohnungen

300

320

510

610

Wohnungen / Haus

1,11

1,10

1,31

1,30

Deutlich ist zu sehen, dass der entscheidende Sprung im Zeitraum 1950-60 liegt: Innerhalb dieser Jahre begann die grossangelegte Erschliessung zweier Neubaugebiete mit Mehrfamilienhäusern (Felgen, Längst), die auch heute (1969) noch andauert. Sie sollte das Übel der Wohnraumnot durch die Flüchtlinge beseitigen und den zu erwartenden Zuwachs der nächsten 20 Jahre (=500 Personen) aufnehmen.

Die Tabelle zeigt ferner, dass der Typ des Einfamilienhauses in Sailauf - im Gegensatz zum Landkreis (7) - (noch) überwiegt. Zusammenfassend kann man sagen, dass in Sailauf, in dem es keine Kriegszerstörungen gab, das hervorstechende Ereignis die Aufnahme der Vertriebenen war. Sie bewirkte zuerst eine gewisse Wohnraumnot, später hielt sie die zaghafte Entwicklung dahin, dass jede Familie, ja sogar jede Generation ihr eigenes Haus hat, durch einen starken Sprung zugunsten des Mehrfamilienhauses auf.

1966 stellten 46 % der Gebäude Neubauten dar, 11 % waren vor 1870 gebaut. In dem Wohnungsbau, der seit etwa 1955 ansteigt und seinen Höhepunkt 1965 erreicht hat, ergriffen zuerst Privatherren die Initiative, später auch Gesellschaften, v.a. die Bayerische Landessiedlung GmbH, die vorweg auf Bodenreformland baute. Insgesamt sind ca. 18 % mit öffentlichen Baudarlehen gefördert worden. Das Bundesbau-Gesetz von 1960 (8), durch das die Planungshoheit der Gemeinden eingeschränkt wurde, soll eine harmonische bauliche Entwicklung gewährleisten.

2.5.3 Baugestaltung: Neubauten

Wie oben schon erwähnt, wird heute (1969) flächenmässig genauso gebaut wie früher (9). Dennoch sind die Neubauten durch ihre Gestaltung und Dimensionierung von den älteren Bauten gut zu unterscheiden: Die Wohnfläche nahm zu, die Räume wurden grösser, speziell das Wohnzimmer erlebte eine Wandlung von reiner Repräsentation - man durfte nur hineingehen, wenn Besuch kam, oder an Feiertagen - zur wirklichen Benutzung, wie es in städtischen Wohnungen schon seit langem der Fall war. (Zur Küche siehe unten). Mit der allgemeinen Zunahme des Wohlstandes baute man natürlich auch bessere Heizungen ein (statt Ofen- Zentral- und Ölheizung), verbesserte die sanitären Anlagen (überall WC), stellte eine Garage als Nebengebäude auf und setzte die Fernsehantenne auf das Dach. Vom praktischen Steildach wandte man sich dem Flachdach mit einem Winkel von 30 Grad oder oft noch weniger zu. Dies trug zur allgemeinen Verknappung an Neben- und Abstellräumen bei. Dieser Mangel ist auf die Planung zurückzuführen, bei der oft neben den finanziellen Gründen mehr Wert auf das Ästethische als auf das Nützliche gelegt wird. Neuangelegte Reihenhäuser zeichnen sich teilweise durch monotone Einfallslosigkeit aus: Jeder hat den gleichen Vorgarten, das gleiche Eingangsdach, ja sogar die gleiche Wohnzimmereinrichtung etc.

Typischer Grundriss eines heutigen Wohn-Hauses in Sailauf:

2.5.4 Baugestaltung: Altbauten

Ältere Bauten sind nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Meist wurden die Holzlege und Viehställe entfernt oder für einen anderen Zweck umgebaut, ebenso die Waschküche, die in allen alten Häusern vorhanden war. Die Wohnküche verlor ihren Charakter als Wohnstätte und wurde entsprechend kleiner (ca. 18 m2, heute (1969) nur noch ca. 8-10 m2), was aber nicht immer zum Vorteil gereichte, besonders wenn eine Familie noch Kleinkinder hat.

Allgemein wird der Wandel im Wohnungsbau durch eine 'Verstädterung', die z.T. durch den steigenden Wohlstand bedingt ist, gekennzeichnet. Demgemäss ist der Wohnwert (10) stark angestiegen und erreicht oft schon stadtähnliche Werte. Oft bildet die Wohnstätte heute (1969) eine 'Art Prestigesache', die etwa mit dem Auto vergleichbar ist; das Wohnen wird nicht mehr wie früher als reine Notwendigkeit angesehen.

Typischer Grundriss (Erdgeschoss) eines Hauses vor dem Krieg:

2.6 Die Erwerbstätigkeit

2.6.1 Gliederung nach Wirtschaftszweigen

Versucht man sämtliche Erwerbstätigen nach ihrem Anteil an Wirtschaftsabteilungen zu ordnen, entsteht folgendes Bild:

Tab.11: Anteil der Erwerbstätigen an Wirtschaftsabteilungen

 

1939:

1955:

1968:

Land-, Forstwirtschaft

75 %

18 %

4 %

Handwerk, Handel

22 %

30 %

31 %

Industrie

-

40 %

47 %

Geldwesen, Verkehr

-

8 %

12 %

öffentlicher Dienst

3 %

4 %

6 %

Diese Zahlen entsprechen nur der schon mehrmals erwähnten Tatsache der industriellen Entwicklungsphase in Sailauf (Auswertung unter Schlussresümee).

2.6.2 Gliederung nach Selbständigkeit

Zur sozialen Typisierung, d.h. der Stellung im Beruf, sind folgende Faktoren von Belang: Die Anzahl der Selbständigen nahm rapide ab (1939: 50-70 % - 1967: ca. 20% der Erwerbstätigen), da sie sich ehemals meist aus Landwirten zusammensetzte, die - wie gezeigt - immer mehr verschwanden. Beamte sind dagegen anteilmässig von ca. 2 % (1939) auf ca. 5 % (1967) angestiegen. Den Rest teilen sich die Angestellten zu ca. 25 % und die Arbeiter zu ca. 50 % (Quelle:11).

2.6.3 Gliederung nach Arbeitsort

Auch in dem Arbeitsort der Erwerbstätigen ist seit den 30er-Jahren fast eine totale Divergierung eingetreteten: Waren früher die meisten am Ort beschäftigt, sind sie heute (1969) zum grossen Teil Pendler, d.h. ihr Beschäftigungsfeld hängt nicht mehr direkt mit der Wirtschaftsstruktur der Gemeinde zusammen.

Tab.12/13: Anwachsen des Pendlertums in Sailauf / Aufschlüsselung der Wirtschaft am Ort:

 

1939:

1955:

1968:

Pendler

5 %

60 %

67 %

Landwirtschaft am Ort

75 %

18 %

4 %

Handwerk-, Dienstleistungs-, Industriegewerbe am Ort

20 %

22 %

29 %

Bei der Betrachtung dieser Tabelle darf man jedoch nicht übersehen, dass sie nur auf auf die Haupterwerbstätigkeit der Personen Bezug nimmt. So täuscht z.B. der Anteil von 4 % der landwirtschaftlich Erwerbstätigen, denn daneben dürften noch ca. 20 % nebenberuflich - meist nur zur Deckung des eigenen Bedarfs - auf Klein- und Kleinstbauernstellen arbeiten. Auffallend ist, dass der Schwund der Landwirtschaft bis 1960 rein zugunsten der Pendler, nach Entstehen einer Industrie auch zugunsten derselben stattfand.

Interessant ist auch die Verteilung der Fern- und Nahbedarfdeckung des Ortes:

Tab.14: Aufschlüsselung der Betriebe nach Fern- und Nahbedarf:

 

1955:

1968:

Fernbedarf

40 %

55 %

Nahbedarf

60 %

45 %

Diese Zunahme der Produktion für den Fernbedarf ist in erster Linie durch das Entstehen der eigenen Industrie gewachsen.

2.6.3.1 Das Pendelwesen

Die fast 70 % Auspendler (12) - diese Zahl liegt sogar noch über dem Landkreisdurchschnitt - pendeln derzeit in folgende Ortschaften:

Tab.15: Ziel der Auspendler:

  • 47 % nach Aschaffenburg
  • 30 % in die benachbarten Gemeinden Goldbach, Hösbach, Laufach
  • 10 % nach Hessen (v.a. Frankfurt, Offenbach, Hanau)
So ist das ganze Pendlertum nach Westen orientiert; nach Osten, etwa nach Heigenbrücken, Lohr, Marktheidenfeld, ist kein einziger Pendler anzutreffen, trotz der nicht schlechten Verkehrsverbindungen dorthin.

Die Durchschnittsentfernung, die ein Pendler zurücklegt, ist ständig im Steigen begriffen: Pendelte anfangs das Gros nur nach Goldbach, so ist heute Aschaffenburg das Zentrum. Ebenso nimmt die Anzahl der nach Hessen Fahrenden zu, erklärbar durch die Zunahme der Autos im Privatbesitz und die wachsende Erkenntnis der besseren Bezahlung in Hessen.

Als besondere Werke sind in Aschaffenburg die Güldner-Motorenwerke zu nennen, bei denen ein Oberwerksmeister aus Sailauf arbeitet, der 40 andere Arbeiter aus Sailauf nachgezogen hat; ferner die Zellstoff-Werke und Kleiderfabrik Weiss mit je 20 Arbeitskräften. In Goldbach arbeitet ein grosser Teil in einer Fassholzfabrik, zu der sogar ein Werkbus von Sailauf aus fährt.

Sogar eine geringe Anzahl Einpendler nach Sailauf ist zu verzeichnen (13). Deswegen darf man der Gemeinde Sailauf jedoch noch nicht den Rang eines Binnenwanderungszentrum zuerkennen, wie es ihn beispielsweise vor 100 Jahren in der Forstwirtschaft hatte. Etwa zu einem Drittel kommen sie aus den unmittelbar benachbarten, völlig industrielosen Dörfern wie Rottenberg, Eichenberg, Jakobsthal etc.

2.6.3.2 Die Wirtschaft am Ort

Der Wirtschaft am Ort sei gemäss ihrer Bedeutung für die Struktur der Gemeinde ein eigenes Kapitel gewidmet:



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