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6.0 Resümee

Zum Schluss sei das 'Entwicklungsgesetz von der Agrar- zur Industriegesellschaft' von Jean Fourastié herangezogen. Nach ihm lassen sich sich in dieser Entwicklung drei charakteristische Phasen erkennen:

  • stellt die rein von der Landwirtschaft bestimmte Gesellschaft dar, wie sie in Europa (im Mittel) etwa bis 1800 und noch heute (1969) in Asien, Afrika und Lateinamerika existiert.
  • als Übergangsstufe ist gekennzeichnet durch einen hohen prozentualen Anteil der in der industriellen Produktion - im Gegensatz zur landwirtschaftlichen Urproduktion - beschäftigten Erwerbspersonen.
  • als 'Endstufe' schliesslich hat sein Hauptgewicht im tertiären Sektor des Verteilungs- und Dienstleistungsgewerbes.

Tab.33: Die 'Industrieentwicklung' von Jean Fourstie:

 

Landwirtschaft dominiert

Industrielle Produktion dominiert

Verteilungs- und Dienstleistungs-gewerbe dominieren

Primärer Sektor

80 %

30 %

10 %

Sekundärer Sektor

10 %

50 %

10 %

Tertiärer Sektor

10 %

20 %

80 %

Vergleicht man dazu die Entwicklung in Sailauf (Tab.11 und 13), kann man feststellen:

Genau dieser Schritt von (1) zu (2) ist in der Gemeinde Sailauf seit den 30er-Jahren zu verzeichnen, wobei jedoch der Anstieg der im sekundären (Industrie-) Bereich angestellten Personen nicht im Dorf stattfand, sondern ausserhalb. Sailauf entwickelte sich deshalb in erster Linie nicht zur Industrie-, sondern zur Wohngemeinde.

Versucht man diesen Wandel in der Siedlungsstruktur zu analysieren, muss auf die Tabellen über Pendlertum, Erwerbstätigkeit und Selbständigkeit zurückgegriffen werden (Tab.11-15):

Rein nach dem Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten an der Arbeitsbevölkerung lässt sich der Wandel von der Agrargemeinde (mehr als 50 %) über die ländliche Gewerbegemeinde (20-50 %) zur Gewerbegemeinde (weniger als 20 %) ablesen. Um diesen Grundtypus weiter zu variieren: Man kann früher von einer Agrargemeinde mit kleinbäuerlichen Betrieben auf Familienbasis sprechen, heute (1969) von einer Gewerbegemeinde mit teilweise noch ländlichem Charakter, der sich in der hohen Anzahl von Personen in einer Wohnung (siehe Tabelle 7) und dem verbreiteten Grundbesitz (80 % der Haushaltungen haben Besitz an Grund und Boden) (Quelle) zeigt. Die Gemeinde besteht jedoch nicht in Form eines Betriebsstandortes, sondern einer Arbeiterwohngemeinde (hohe Pendlerzahl) (Quelle).

Im geographischen Aufbau hat Sailauf seine Eigenschaft als Strassendorf beibehalten.

Abgesehen von der Flüchtlingsaufnahme im Jahre 1947 stellt Sailauf im grossen und ganzen ein typisches Beispiel eines Dorfes in der industriellen Entwicklung dar, die v.a. durch die Wechselbeziehungen zur Stadt getragen wird.


Literatur:

Abwasserverband Aschafftalgemeinden: Informationsbroschüre, Aschaffenburg 1968
Büttner, W: Die Besiedlung des oberen Aschaffgebietes; in: Abwasserverband Aschafftalgemeinden, S.5 ff, Aschaffenburg 1968
Breitenbach: Technische Erläuterungen der Verbandsanlagen;in: Abwasserverband Aschafftalgemeinden, S.14 ff, Aschaffenburg 1968
Brockhaus Enzyklopädie Band 1- 8, Wiesbaden 1967/1968
Deutsches Baugewerbe: Jahrbuch 1969, Bonn
Fucks, Wilhelm: Formeln zur Macht, Bonn 1969
Gehlen-Schelsky: Soziologie, Düsseldorf 1955
Grosse Reader's Digest Weltatlas, Stuttgart
Gemeinde Sailauf: Viehzählungslisten der Gemeinde Sailauf von 1966, 1967, 1968, 1969
Gemeinde Sailauf: Protokoll einer Behördenbesprechung zum Wirtschaftsplan der Gemeinde Sailauf
Gemeinde Sailauf: Werbe-Faltprospekt, Hösbach 1968
Gemeinde Sailauf: Bodennutzungskarte
Landkreis Aschaffenburg: Bestandsaufnahme, Aschaffenburg 1967
Kötter, Herbert: Agrarsoziologie, in: Soziologie, Düsseldorf 1955
Schelsky, Helmut, in: Der Spiegel, Heft 52, 1969
o.V.: Erhaltung der Landschaft und Verbesserungen der Lebensbedingungen im Wiesental; Lörrach 1969

Gespräche mit:
Herrn Fuchs, Günter: Oberstudienrat am Kronberg-Gymnasium, Aschaffenburg
Herrn Lehmann, Bürgermeister der Gemeinde Sailauf
Herrn Maier, Verwaltungsangestellter der Gemeinde Sailauf
Herrn Uhl, Verwaltungsangestellter des Gesundheitsamtes Aschaffenburg
Herrn Zellfelder, Leiter des Landwirtschaftsamtes Aschaffenburg


Anmerkungen:

(1) Bodenzahl: Der Prozentsatz des erzielbaren Reinertrages im Verhältnis zur höchsten Ertragsfähigkeit
(2) Zur Erläuterung: Der Verlauf der Geburtenüberschusswerte Schwedens(als Musterbeispiel) in der Zeit der Industrialisierung (1800-1930):
(3) 'Üblicher Rahmen': Die Zahlen entsprechen dem bundesdeutschen Mittel
(4) Folgende Thesen wurden in Anlehnung an Herbert Kötter entwickelt: 'Agrarsoziologie' in 'Soziologie', S.231 ff, Düsseldorf 1955
(5) von Riehl, Wilhelm Heinrich: deutscher Kulturhistoriker, Schriftsteller, Volkswissenschaftler, 1823-1897
(6) Die Werte von 1939 sind Hochrechnungen und mussten mangels sicheren Materials berechnet werden
(7) Zum Vergleich die Anzahl der 'Wohnungen/Haus' im Landkreis: 1939:1,36 - 1950:1,33 - 1960:1,72 - 1967:1,70
(8) Z.B. die Erlassung über die optimale Zueinanderordnung der Wohngebäude
(9) Im Gegensatz zu der heute (1969) allgemein im Bausektor beobachteten Tatsache, dass der Umgriff (die umgebende Fläche) eines Hauses kleiner wird
(10) 'Wohnwert' hier: Der Anteil des Einkommens, der zum Wohnen aufgewendet wird
(11) Quelle: Feststellungen beruhen auf einem Gespräch mit einem Angestellten der Sailaufer Verwaltung
(12) Absolut:1961:598 - 1969:ca.700
(13) Absolut:1961:75 - 1969:ca.80-90
(14) Anerbenrecht: Sondererbenrecht für ländlichen Grundbesitz durch geschlossene Erbfolge eines einzigen Hoferben
(15) Eine Gegenüberstellung Darre - Mansholt wäre interessant, würde aber den Rahmen dieses Papieres sprengen
(16) Hinzuzurechnen wären noch weitere 70 ha Waldfläche, die aber inzwischen an eine andere Gemeinde abgetreten wurden, = 252 ha
(17) GV ist ein in der Landwirtschaft theoretisch gebildeter Faktor, um sämtliche flächenabhängige Tiere, z.B. keine Hühner, rein nach ihrem Gewicht zu erfassen: 1 GV = 500 kg Lebendgewicht. Beispiele: Eine Kuh stellt 1,2 GV, eine Mastbulle 0,8 GV, ein Schwein 0,1 GV dar
(18) Absolut:1966:341 GV - 1969:336 GV
(19) Zum Vergleich: Realsteuerkraft in einer Industriegemeinde: ca. 250 DM
(20) Der französische Soziologe behandelt in seinen statistisch belegten Diagnosen und Prognosen den Zusammenhang von Arbeitsproduktivität, Konsumbedürfnis und Bevölkerungswachstum in seinen Folgen für die ökonomische und soziale Entwicklung der Menschheit


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